Frau Nikki ist für mich ein Klassiker und ein Basicshirt zugleich. Dreimal habe ich sie allein in den letzten beiden Jahren aus verschiedenen Materialien genäht, und auch vorher hat sie immer wieder eine Rolle in meiner Garderobe gespielt. Eine wunderbare Eigenschaft: dieses Shirt mit Rückenausschnitt nähen wir nicht nur aus Baumwoll- oder Viskosejersey: für kuscheligere Varianten kannst du auch Strick verwenden. Elegant wird es aus Wolljersey, der wie ein Feinstrick fällt und einen leichten Shaping-Effekt bekommst du, wenn du Interlock oder Romanit verwendest. Für mich ein unentbehrlicher Basicschnitt – und dazu macht ihn, im wahrsten Sinne des Wortes, auch ein Twist – aber das erzähle ich dir weiter unten im Beitrag.
Frau Nikki von Studio Schnittreif: ein Basicshirt mit besonderem Ausschnitt

Frau Nikki ist ein Shirt mit klassischem Rundhalsausschnitt vorne und einem tiefen Rückenausschnitt hinten. Der Ausschnitt reicht jedoch nicht so weit, dass der BH zu sehen wäre und auch seitlich ist genug „Schulter“ am Shirt vorhanden, dass die Träger verdeckt bleiben. Je nachdem aus welchem Material du das Shirt mit Rückenausschnitt nähst. Der Schnitt ist für elastische Stoffe wie leichten Strick oder Jersey ausgelegt. Je nachdem, welches Material du verwendest, wirkt das Shirt ganz unterschiedlich.
Wie bei den meisten Schnitten für Langarmshirts hast du außerdem die Möglichkeit es zu einem Kleid zu verlängern- dann macht es sich auch als Unerziehteil super, wenn du es im Winter etwas wärmer möchtest oder du bei einem etwas transparenteren Stoff nicht so viel Haut zeigen möchtest.
Ich habe Frau Nikki in Größe XL genäht – die Größe wird nach dem Brustumfang festgelegt und in Doppelgrößen von XS-XL angegeben. Gerade für Strickstoffe empfehle ich dir lieber die größere Größe zu nähen, da diese nicht immer so stark nachgeben wie Jersey und manchmal auch etwas Eigenvolumen unterbringen müssen.
Frau Nikki nähe ich übrigens seit bald zehn Jahren. 2016 wollte ich diese Version aus nachtblauem Interlock bei der Blogaktion „12 Letters of Handmade Fashion“ einreichen- ich wurde nicht ganz rechtzeitig fertig, daher laufe ich nun dem Jubiläum wenige Wochen voraus – aber es werden nicht die letzten Nikkis bleiben, wir machen die zehn Jahre also noch rund! Aus Wolljersey habe ich Frau Nikki anschließend im Spätsommer 2017 das erste Mal genäht – und da war es dann final um mich geschehen mit dem Schnitt. Du siehst sie auf Bildern mit meinem ersten eigenen Kleidungsschnittmuster Lola – und wer bei ersten Malen dabei war, den vergisst man nicht!
Ein Schnitt, drei Stoffe: meine Frau-Nikki-Varianten
Basic-Teile werden oft genäht, getragen und nie gezeigt. Da ich Frau Nikki in den letzten beiden Jahren aber aus drei ganz unterschiedlichen Materialien genäht habe, möchte ich sie euch heute im Vergleich zeigen. Denn wenn wir ein Schnittmuster kaufen, haben wir oft Beispielbilder ohne die näheren Informationen zu den Stoffen zu bekommen, sodass das Einschätzen der Wirkung schwierig bleibt. Der Sitz oder Fall eines Kleidungsstücks verändert sich jedoch mit der Wahl des Stoffs und diese Wirkung einzuschätzen erleichtert die Auswahl der richtigen Größe und des Stoffs, aus dem du nähen möchtest.
Bambusjersey: die Variante, die ich am liebsten trage

Als Bambusjersey werden Viskosejerseys bezeichnet, deren Viskose aus der Cellulose von Bambusfasern gewonnen wurde. Diese Viskosejerseys sind leichter und haben eine höhere Rücksprungkraft als viele der Viskosejerseys, die man von früher kennt. Das liebe ich, weil sie so ihrem eigenen Gewicht etwas entgegensetzen können und nicht ausleiern. Die Oberfläche fühlt sich sehr dicht und glatt an – fast wie bei Stoffen für Funktionskleidung, und sie trocknen recht schnell, und transportieren Feuchtigkeit gut ab – ich fühle mich also nicht nassgeschwitzt darin.

All diese Eigenschaften tragen dazu bei, dass die Variante von Frau Nikki aus Bambusjersey mein Favorit, unter den Nikkis die ich aktuell im Schrank habe, ist.
Bei diesem Shirt habe ich das Halsbündchen aus dem Jersey zugeschnitten statt einen Bündchenstoff zu verwenden. Dadurch zieht es sich weniger zusammen und der Rückenausschnitt wirkt tiefer und optisch ist es schlichter. Allerdings ist die Rücksprungkraft des Jerseys geringer als bei Bündchenstoffen- das Bündchen wird also früher ausleiern als bei meinen anderen beiden Versionen mit Bündchen aus Bündchenstoff.
Baumwolljersey: meine zweite Jersey-Version

Baumwolljersey, das sage ich dir direkt vorweg, ist nicht „mein“ Material. Ich finde immer wieder tolle Prints und lasse mich verführen, es nochmal zu versuchen, aber am Ende des Tages ist er für mich nicht Fisch nicht Fleisch. Ich bevorzuge die geschmeidigen Eigenschaften eines Bambus- oder feinen Viskosejerseys, liebe die Festigkeit von Interlock und mag, dass French Terry einen voluminösen Griff hat. Baumwolljersey in der klassischen 95% zu 5% Zusammensetzung mit Elasthan haut mich einfach nicht um und fühlt sich für mich fad an. Anders übrigens bei 100% Baumwolljersey mit hohem Gewicht – aber das ist Bandshirt-Material, das man kaum im Handel findet…

Bei meiner Frau Nikki war es dann wieder das Muster, das mich gepackt hat. Es erinnert mich an Kindheit und Bettwäsche mit diesen klaren eher großen Motiv-Prints – und auch wenn ich es nicht mit den Beatles halte, und denke, dass All You Need Is Love etwas aus der Zeit gefallen ist, ein bischen Liebe hat dennoch noch keinem geschadet.
Um dem Shirt einen beruhigenden Rahmen zu geben, habe ich Bündchen aus rotem Bündchenstoff angenäht- nicht nur am Hals, sondern auch an den Ärmeln – was für mich immer ein schmaler Grad zur Optik eines Schlafanzugs ist – aber hier mag ich es ganz gern.
Angelhair-Strick: flauschig und kuschelig

Ein Shirt mit Rückenausschnitt nähen und keinen Shirt-Stoff benutzen – das ist ein kleines Wagnis. Angelhair-Strick ist ein Strickstoff mit feinen Fasern, die vom Trägerfaden abstehen und einen flauschig-weichen Griff und eine „fluffige“ Optik erzeugen. Der gestrickte Trägerstoff ist allerdings nur durch die Flexibilität der Fäden im lockeren Gewirk dehnbar. Er erreicht nicht die Elastizität eines Jersey oder Sweat. Durch die Größe der Maschen kann er auch mit Feinstrick nicht mithalten. Ich habe es dennoch gewagt, ihn zu verwenden und es ist auch gutgegangen. Allerdings ist es bei diesem Material nicht möglich, am Ausschnitt auf ein Bündchen aus klassischem Bündchenstoff zu verzichten.

Ohne dessen Elastizität würde der Stoff „labbern“ und sich durch den tiefen Rückenausschnitt verschieben und verziehen. Trotzdem mag ich die Version aus Strickstoff sehr gern. Für mich wirkt sie „angezogener“ also mehr mit dem Charakter eines Kleidungsstücks, das man als äußere Schicht trägt, als die Jerseyvarianten, bei denen der Charakter eines Shirts statt eines Pullovers betont wird. Auch wenn ich mir meine älteren Versionen von Frau Nikki anschaue, ist es genau diese Eigenschaft des klassichen Pullovers, die durch den Stoff hervorgehoben wird. Wir können wohl festhalten, dass ich einfach nicht so der „Shirt“-Typ bin – oder nur unter sehr speziellen Voraussetzungen.
Mein Tragetipp: den Rückenausschnitt nach vorn drehen

Was lieben wir fast noch mehr als selbstgenähte Kleidung? Flexible und variable Teile, die unterschiedlich gestylt werden können! Und genau das ist eine Freiheit, die ich mir bei Frau Nikki immer wieder herausnehme. Ursprünglich aus der Not geboren, weil ich auf einem zugigen Platz im Restaurant saß und Angst hatte, mit Verspannungen nach Hause zu gehen, habe ich Frau Nikki irgendwann mal umgedreht. Daraus ist eine regelmäßige Nutzung entstanden, denn ich liebe es, wenn ich Kleidungsstücke lange und viel tragen kann und die Option, mit dem Ausschnitt zu spielen, ermöglicht viele Outfits mehr zusammenzustellen, als wenn ich „By the rules“ spiele.

Wenn du Frau Nikki umdrehst, rutscht die Schulternaht allerdings etwas nach hinten, da in Schnittmustern die Schulter des Rückenteils höher gezogen wird als die des Vorderteils. Aber wenn wir ehrlich sind- wer nicht näht oder anderweitig Ahnung von Schnittmustern und dem Verlauf von Nähten hat, wird das kaum sehen. Die hohe Elastizität der Stoffe und das Volumen des Angelhair kaschieren zudem, dass der Ärmel in dieser Richtung nicht optimal sitzt. Und mich stören diese Details tatsächlich gar nicht, denn was für mich hier zählt, ist, wie es sich anfühlt.
Wo finde ich das Schnittmuster für Frau Nikki?

Mit dem Wegfall vieler Schnittmusteranbieter und Plattformen hat sich die Nähszene verändert. Wo man früher genau wusste, wohin man gehen muss um Schnittmuster zu finden, ist inzwischen deutlich mehr Suche nötig. Wenn du auch ein Shirt mit Rückenausschnitt nähen möchtest, nach dem Schnitt Frau Nikki, und du den Komfort alle deine Schnitte an einem Platz zu wissen vermisst und zurück möchtest, empfehle ich dir die Plattform CrazyPatterns. Bisher hat sie sich in der Nähszene noch nicht so stark etabliert wie beim Stricken oder Häkeln, aber es fühlt sich ein bisschen an, als würde man in die alte Nähwelt nach Hause kommen – und ich würde mir sehr wünschen, dass dort noch mehr Designer dieser alten Nähszene aktiv werden!
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Und um für die Nähszene einen Schritt voran zu machen: Einige meiner Schnittmuster und Perlenanleitungen findet ihr bereits auf Crazy Patterns – und es werden mehr werden!
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